3 Mythen, die die Entwicklung armer Länder behindern

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Welt heute besser als jemals zuvor ist. Die Menschen haben ein längeres und gesünderes Leben. Viele Länder, die zuvor auf Entwicklungshilfe angewiesen waren, sind jetzt unabhängig. Man würde meinen, dass ein solcher Fortschritt weit gefeiert würde, aber Melinda und ich wundern uns immer wieder darüber, wie viele Menschen immer noch denken, dass die Welt schlechter wird. Die Ansicht, dass die Welt extreme Armut und Krankheiten nie besiegen wird, ist nicht nur ein Fehler. Es ist eine gefährliche Ansicht. Daher werden wir in diesem Jahresbrief einige dieser Mythen, die unsere Arbeit verlangsamen, genauer betrachten. Wir hoffen, dass Sie genauso vorgehen werden, wenn Sie diese Mythen das nächste Mal hören. - Bill Gates

MYTHOS NR. 1

Arme Länder werden immer arm bleiben

von Bill Gates

Ich habe diesen Mythos über viele Länder gehört, aber vor allem über Afrika. Wenn Sie im Web nachsehen, finden Sie dazu Dutzende von Schlagzeilen und Buchtiteln: „How Rich Countries Got Rich and Why Poor Countries Stay That Way“ oder „Why Do the Poor Stay Poor?“, etc.

Glücklicherweise sind das keine Beststeller, weil die grundlegende Prämisse falsch ist. Tatsächlich sieht es so aus, dass Einkommen und andere Bereiche, die zum menschlichen Wohlbefinden beitragen, in fast allen Ländern besser werden, auch in Afrika.

Warum ist dieser Mythos so schwer auszuräumen?

Ich werde noch über Afrika schreiben, aber zunächst möchte ich über einen weiter verbreiteten Trend in der Welt schreiben. Dazu gehe ich ein halbes Jahrhundert zurück. Vor fünfzig Jahren war die Welt in drei Teile aufgeteilt: die Vereinigten Staaten und unsere westlichen Alliierten; die Sowjetunion und ihre Alliierten und der Rest der Welt. Ich kam 1955 zur Welt und lernte, dass die sogenannte Erste Welt wohlhabend oder „entwickelt“ war. Fast alle in dieser Ersten Welt gingen zur Schule und konnten ein langes Leben genießen. Wir wussten nicht, wie das Leben hinter dem Eisernen Vorhang aussah, aber es klang wie ein schauriger Ort. Und dann gab es noch die sogenannte Dritte Welt. Das waren fast alle anderen. Und wir dachten, dass in dieser Welt Menschen leben, die arm sind, nicht zur Schule gehen und jung sterben. Aber wir meinten auch, dass sie in dieser Armutsfalle gefangen waren und keine Hoffnung auf ein besseres Leben hatten.

Die Statistiken untermauerten diese Ansichten. Im Jahr 1960 war fast die gesamte Weltwirtschaft im Westen. Das Pro-Kopf-Einkommen in den Vereinigten Staaten lag bei rund 15.000 US-Dollar pro Jahr. (Das ist das Pro-Kopf-Einkommen.Das wären also 60.000 US-Dollar für eine vierköpfige Familie.) In Asien, Afrika und Lateinamerika war das Pro-Kopf-Einkommen viel niedriger. Brasilien: 1.982 US-Dollar. China: 928 US-Dollar. Botswana: 383 US-Dollar. Und so weiter.

Viele Jahre später konnte ich diesen Unterschied auf meinen Reisen mit eigenen Augen sehen. Melinda und ich reisten 1987 nach Mexiko Stadt und waren verblüfft über die Armut, die wir dort sehen konnten. Die meisten Häuser hatten kein fließendes Wasser und wir sahen, wie Menschen weite Entfernungen mit dem Rad oder zu Fuß zurücklegten, um ihre Wasserbehälter aufzufüllen. Es erinnerte uns an Szenen aus dem ländlichen Afrika. Der Mann, der die Microsoft-Niederlassung in Mexiko Stadt leitete, schickte seine Kinder zu ärztlicUntersuchungen in die Vereinigten Staaten, um sicherzugehen, dass sie nicht vom Smog krank wurden.

Aber heute ist die Stadt nicht wieder zu erkennen. Die Luft ist so sauber wie in Los Angeles (nicht die beste Luft, aber besser als 1987). Es gibt viele neue Hochhäuser, neue Straßen und moderne Brücken. Es gibt immer noch Slums und Armutsviertel, aber wenn ich jetzt dorthin reise denke ich immer, dass die meisten Menschen dort in der Mittelschicht sind. Was für ein Wunder!

Sehen Sie sich dieses Foto von Mexiko Stadt aus dem Jahr 1980 an und vergleichen Sie es mit dem aktuellen Foto:

©Corbis, Owen Franken
^ MEXIKO STADT 1980, 2011
©Corbis, Keith Dannemiller

Sie können ähnliche Veränderungen auf diesen Vorher-Nachher-Fotos von Nairobi, Neu Delhi und Shanghai sehen…

©Corbis, Nigel Pavitt
©Getty Images National Geographic

^ NAIROBI 1969, 2009

©Corbis, John Heaton
©Corbis, Dean Conger

^ SHANGHAI 1978, 2012

Diese Fotos zeigen eine beeindruckende Geschichte: Das weltweite Bild von Armut hat sich in meinem Leben vollkommen geändert. Das Pro-Person-Einkommen in der Türkei und in Chile ist so hoch wie in den Vereinigten Staaten im Jahr 1960. Und Malaysia und Gabon haben fast diesen Stand erreicht. Und dieses Niemandsland zwischen den reichen und armen Ländern wurde von China, Indien, Brasilien und anderen Ländern eingenommen. Seit 1960 hat sich das Realeinkommen pro Person in China verachtfacht. In Indien hat es sich vervierfacht, in Brasilien fast verfünffacht und das kleine Land Botswana, dessen Mineralressourcen klug verwaltet werden, hat eine dreißigfache Erhöhung gesehen. In der Mitte sehen wir heute Länder, die vor 50 Jahren kaum existierten und in denen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt.

Und das ist eine weitere Möglichkeit, den Wandel zu messen: indem man Menschen anstelle von Ländern zählt:

Die einfachste Antwort auf den Mythos, dass arme Länder immer arm bleiben werden ist: Sie sind nicht arm geblieben. Viele, leider nicht alle, Länder, die wir zuvor als arm bezeichnet haben, haben jetzt eine blühende Wirtschaft. Und der prozentuale Anteil extrem armer Menschen ist seit 1990 um mehr als die Hälfte gefallen.

Es leben allerdings immer noch mehr als eine Milliarde Menschen in extremer Armut. Wir haben also noch keinen Grund zum Feiern. Aber man kann mit aller Zuversicht sagen, dass sich die Welt so sehr verändert hat, dass die Begriffe „Entwicklungsland“ und „Industrieland“ nicht mehr länger zutreffend sind.

Jede Kategorie, die China und die Demokratische Republik Kongo in einer Gruppe aufführt, verwirrt mehr als sie verdeutlicht. Einige sogenannte Entwicklungsländer haben sich so sehr weiter entwickelt, dass man sie als entwickelte Länder bezeichnen kann. Eine handvoll gescheiterter Staaten sind fast gar nicht entwickelt. Die meisten Länder sind irgendwo in der Mitte. Daher ist es besser, wenn man von Ländern mit niedrigem, mittlerem oder hohen Einkommen spricht. (Einige Experten teilen sogar die mittlere Einkommensschicht in zwei Kategorien: untere und obere Mittelschicht.)

Und damit komme ich zu einer spezifischeren und gefährlicheren Version des Mythos zurück: „Ja, den asiatischen Tigerstaaten geht es gut, aber das Leben in Afrika ist nicht besser und wird auch nie besser werden“.

Zunächst einmal sollten Sie niemandem glauben, der behauptet, dass es Afrika heute schlechter geht als vor 50 Jahren. Das Einkommen pro Person ist in Afrika südlich der Sahara in diesem Zeitraum gestiegen und in ein paar anderen Ländern sogar sehr gestiegen. Nach einem Einbruch während der Schuldenkrise in den 1980er Jahren ist es seit 1998 um zwei Drittel auf fast 2.200 US-Dollar im Vergleich zu 1.300 US-Dollar gestiegen. Heuten wenden sich immer mehr Länder einer starken nachhaltigen Entwicklung zu und weitere Länder werden folgen. Sieben der 10 am schnellsten wachsenden Wirtschaften der letzten fünf Jahre sind in Afrika.

Afrika hat auch in den Bereichen Gesundheit und Schulbildung große Fortschritte gemacht. Seit 1960 ist die Lebenserwartung für Frauen in Afrika südlich der Sahara trotz der HIV-Epidemie von 41 auf 57 Jahre gestiegen. Ohne HIV würde sie bei 61 Jahren liegen. Der prozentuale Anteil von Kindern, die zur Schule gehen, ist seit 1970 von rund 40% auf 75% gestiegen. Weniger Menschen leiden unter Hunger und mehr Menschen haben eine gute Ernährung. Wenn genügend Nahrungsmittel, Schulbildung und eine längere Lebenserwartung Zeichen für ein gutes Leben sind, dann ist das Leben in diesen Ländern ohne Zweifel besser geworden. Diese Verbesserungen sind nicht das Ende der Geschichte, sie bilden die Grundlage für mehr Fortschritt.

Mehr und mehr Länder in Afrika bauen Gemeindekliniken, die extrem kostensparend sind (Accra, Ghana, 2013).

Natürlich verschleiern die regionalen Durchschnittszahlen die großen Unterschiede zwischen den Ländern. In Äthiopien liegt das Jahreseinkommen pro Person bei nur 800 US-Dollar. In Botswana liegt es bei fast 12.000 US-Dollar. Man kann auch riesige Unterschiede innerhalb dieser Länder sehen: Das Leben in einem städtischen Gebiet in Nairobi kann nicht mit dem Leben in einem kenianischen Dorf verglichen werden. Sie sollten allen Menschen mit Skepsis begegnen, die einen gesamten Kontinent als eine einzige Masse mit Armut und Krankheiten bezeichnen.

Unterm Strich heißt das: Arme Länder werden nicht immer arm bleiben. Einige der sogenannten Entwicklungsländer sind bereits entwickelt. Und viele werden ihnen bald folgen. Die Länder, die noch nicht so weit sind, versuchen etwas Neuartiges zu tun. Und sie können von guten Beispielen lernen.

Ich bin diesbezüglich optimistisch genug, um eine Voraussage zu treffen. Bis 2035 wird es in der Welt fast keine armen Länder mehr geben. (Dabei setze ich die aktuelle Definition von Armut an.) Fast alle Länder werden in der heute als Mittelschicht bezeichneten Gruppe oder sogar noch wohlhabender sein. Länder werden von ihren produktivsten Nachbarn lernen und Innovationen, wie neue Impfstoffe, besseres Saatgut und die digitale Revolution nutzen können. Ihre Arbeitskräfte, die durch eine bessere Bildung einen Aufschwung sehen, werden neue Investitionen in die Länder bringen.

Einige Länder werden durch Kriege, Politik (Nordkorea, wenn sich dort keine große Veränderung ergibt) oder Geografie (Binnenländer in Zentralafrika) zurückgehalten. Ungleichheit wird weiterhin ein Problem sein: Es wird auch weiterhin in jeder Region arme Menschen geben.

Aber viele von ihnen werden in unabhängigen Ländern leben. Jede Nation in Südamerika, Asien und Zentralamerika (mit der möglichen Ausnahme von Haiti) sowie die meisten Küstenstaaten Afrikas werden zu den Mittelschicht-Ländern gehören. Mehr als 70% der Länder werden ein höheres Pro-Person-Einkommen als das heutige China haben. Fast 90 Prozent werden ein höheres Einkommen als das heutige Indien haben.

Es wird eine beeindruckende Leistung sein. Als ich zur Welt kam, waren die meisten Länder der Welt arm. In den nächsten beiden Jahrzehnten werden extrem arme Länder eher die Ausnahme als die Regel sein. Milliarden von Menschen werden nicht mehr länger in extremer Armut leben. Und die Vorstellung, dass ich diese Veränderungen miterleben werde, fasziniert mich.

Einige Menschen sagen, dass nicht alle Probleme der Welt gelöst werden, wenn man alle Menschen in die Mittelschicht bringt und dass einige Probleme sogar noch verschlimmert werden. Es stimmt, dass wir günstigere und sauberere Energiequellen entwickeln müssen, damit dieses Wachstum nicht auf Kosten des Klimas und der Umwelt geht. Wir müssen auch Probleme lösen, die sich aus diesem Wohlstand ergeben, wie zum Beispiel mehr Diabetes. Aber mehr Menschen werden gebildet sein und werden zur Lösung dieser Probleme beitragen. Der Abschluss der Entwicklungsagenda wird das Leben der Menschen mehr verbessern als jede andere Maßnahme.

MYTHOS NR. 2

Entwicklungshilfe ist reine Verschwendung

von Bill Gates

Sie haben sicher schon Zeitungsartikel über Entwicklungshilfe gelesen. Darin werden allgemeine Aussagen anhand geringfügiger Beispiele gemacht. Sie zitieren Anekdoten über Verschwendung in einigen Programmen und behaupten, dass Entwicklungshilfe reine Verschwendung ist. Wenn Sie mehrere von diesen Geschichten hören, ist es gut möglich, dass Sie irgendwann einmal glauben, dass Entwicklungshilfe einfach nicht funktioniert. Und es verwundert nicht, dass eine britische Zeitung letztes Jahr behauptet hat, dass mehr als die Hälfte der Wähler die Auslandshilfe reduzieren möchten.

Diese Artikel vermitteln ein falsches Bild über die Länder, die unterstützt werden. Seit Melinda und ich die Stiftung vor 13 Jahren gegründet haben, haben wir das Glück, die Auswirkungen der Programme, die von der Stiftung und den Spenderregierungen finanziert werden, zu beobachten. Im Laufe der Zeit sehen wir, dass Menschen länger leben, gesünder werden und der Armut entkommen. Diese Fortschritte sind teilweise auf die Dienstleistungen zurückzuführen, die durch die Entwicklungshilfe bereitgestellt werden können.

Aber ich mache mir Sorgen, wenn ich den Mythos höre, dass Entwicklungshilfe nicht funktioniert. Damit können führende Politiker Ausreden finden, die Entwicklungshilfe zu reduzieren. Das würde bedeuten, dass weniger Leben gerettet werden und es länger dauert, bis einige Länder unabhängig sind.

Ich möchte daher ein wenig näher auf die Kritik eingehen, die Sie sicher schon gelesen haben.3 Ich muss vorab sagen, dass kein Programm perfekt ist und dass Entwicklungshilfe immer effektiver gemacht werden kann. Entwicklungshilfe ist nur eine der zahlreichen Mögichkeiten, Armut und Krankheiten zu bekämpfen. Wohlhabende Länder müssen ihre Politik ändern. Sie müssen zum Beispiel ihre Märkte öffnen und Landwirtschaftssubventionen senken. Arme Länder hingegen müssen mehr für das Gesundheitssystem und die Entwicklung ihrer eigenen Bevölkerung aufwenden.

Im Allgemeinen ist Entwicklungshilfe eine fantastische Investition und wir sollten mehr davon vornehmen. Damit werden Leben wirksam gerettet und verbessert. Entwicklungshilfe schafft auch die Basis für langfristigen wirtschaftlichen Fortschritt, den ich unter Mythos Nr. 1. beschrieben habe (und das hilft Ländern, nicht mehr länger auf Entwicklungshilfe angewiesen zu sein). Die Stiftung bemüht sich sehr, dass diese Programme effizienter werden und misst deren Fortschritt.

Auslandshilfe hilft Flüchtlingen wie Nikuze Aziza, ihre Familien zu ernähren und gesund zu bleiben (Kiziba Camp, Ruanda, 2011).

Das Ausmass an Entwicklungshilfe

Viele Menschen glauben, dass ein großer Anteil der Haushaltsmittel der reichen Länder für Entwicklungshilfe ausgegeben wird. Das würde bedeuten, dass Länder viel Geld sparen könnten, wenn sie die Entwicklungshilfe reduzieren. Als Amerikaner befragt wurden, wieviel Prozent des Haushalts an die Entwicklungshilfe gehen, sagten sie „25 Prozent“. Und als sie gefragt wurden, wieviel ihre Regierung dafür ausgeben sollte, sagten sie „10 Prozent“. Ich glaube, dass man in Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern eine ähnliche Antwort bekommen würde.

Aber hier sind die tatsächlichen Zahlen. Norwegen, das großzügigste Land der Welt, gibt weniger als 3 Prozent dafür aus. Und die Vereinigten Staaten weniger als 1 Prozent.

Ein Prozent des US-Haushalts sind rund 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Davon werden rund 11 Milliarden US-Dollar für das Gesundheitswesen ausgegeben: Impfstoffe, Moskitonetze, Familienplanung, Arzneimittel, die Menschen mit HIV am Leben erhalten, und so weiter. (Die restlichen 19 Milliarden US-Dollar werden für den Bau von Schulen, Straßen und Bewässerungssystemen ausgegeben.)

Ich möchte nicht behaupten, dass 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr nicht viel Geld darstellen, aber relativ betrachtet sind das rund 30 US-Dollar pro Amerikaner. Stellen Sie sich ein Einkommenssteuerformular vor, in dem Sie gefragt werden, „Dürfen wir 30 US-Dollar Ihrer bereits gezahlten Steuern verwenden, um 120 Kindern vor Masern zu schützen?”4 Würden Sie darauf mit Ja oder Nein antworten?

Es hilft auch, wenn man sich ansieht, welche allgemeinen Auswirkungen diese Ausgaben haben. Um einen annähernden Betrag zu berechnen, habe ich alle Spenden zusammengezählt, die seit 1980 von Spendern für Gesundheitshilfe ausgegeben wurden. Diesen Betrag habe ich dann durch die Anzahl der Kinder geteilt, deren Leben in diesem Zeitraum gerettet wurden. Der Betrag ist weniger als 5.000 US-Dollar pro gerettetem Kind (und dabei habe ich nicht einmal die Fortschritte im Gesundheitswesen berücksichtigt, die über das Retten der Leben kleiner Kinder hinausgehen).5 5.000 US-Dollar klingt nach viel Geld. Sie müssen aber bedenken, dass die US-Regierungsbehörden das Leben eines amerikanischen Staatsbürgers mit mehreren Millionen Dollar bewerten.

Denken Sie auch daran, dass gesunde Kinder nicht nur überleben. Sie gehen zur Schule, arbeiten irgendwann und helfen auch dabei, ihr Land unabhängiger zu machen. Deshalb behaupte ich, dass Entwicklungshilfe ein Schnäppchen ist.

In dieser Tabelle sehen Sie die wichtigsten Todesursachen für Kinder und einige der Entwicklungsprogramme, die sich mit diesen Problemen befassen. Wie Sie sehen können, wird die meiste Arbeit dafür eingesetzt, die wichtigsten Todesursachen zu eliminieren. Und es ist kein Zufall, dass diese auch der Fokus der weltweiten Arbeit der Stiftung im Gesundheitsbereich sind.

Die US-Regierung gibt doppelt so viel für landwirtschaftliche Subventionen wie für Gesundheitshilfe aus. Sie gibt mehr als 60 Mal soviel für das Militär aus. Wenn Ihnen das nächste Mal jemand sagt, dass man den Haushalt reduzieren kann, wenn man die Entwicklungshilfe kürzt, hoffe ich, dass sie entgegnen, dass das auf Kosten vieler Menschenleben erfolgt.

Korruption

Man hört oft, dass ein Teil der Entwicklungshilfe für Korruption verschwendet wird. Es stimmt, dass es Menschenleben kostet, wenn Gesundheitshilfe gestohlen oder verschwendet wird. Wir müssen Betrug beseitigen und mehr aus jedem einzelnen Dollar herausholen.

Aber wir dürfen die relative Größe des Problems nicht vergessen. Korruption in kleinem Umfang, wie zum Beispiel Regierungsmitarbeiter, die falsche Reisespesen einreichen, ist Ineffizienz, die auf Kosten der Entwicklungshilfe geht. Wir müssen natürlich versuchen, Korruption zu reduzieren, aber wir werden sie oder die Verschwendung von Regierungsgeldern oder Geldern in Unternehmen nie eliminieren können. Korruption in kleinem Umfang kann mit einer 2%igen Steuer auf die Kosten ein Leben zu retten verglichen werden. Wir sollten versuchen, das zu reduzieren. Aber wenn es nicht klappt, sollten wir dann den Versuch einstellen, Menschenleben zu retten?

Sie haben vielleicht über den Skandal in Kambodscha letztes Jahr gelesen. Es ging um ein Moskitonetz-Programm, das vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, TB und Malaria ausgeführt wurde. Politiker in Kambodscha wurden dabei erwischt, wie sie Schmiergelder in Millionenhöhe von Auftragnehmern genommen haben. Und in Leitartikeln in Zeitungen konnte man lesen „Wie Entwicklungshilfegelder verschwendet werden“. Und in einem Artikel wurde auch ich als ein Opfer dieser Verschwendung genannt.

Ich schätze diese Anteilnahme und es ist gut, wenn die Presse Institutionen zur Rechenschaft zieht. Aber die Presse hat diesen Betrug nicht aufgedeckt. Das war der Globale Fonds, der während einer internen Rechnungsprüfung darauf stieß. Der Globale Fonds hat ganz richtig reagiert, das Problem zu finden und zu lösen. Es wäre eigenartig zu fordern, Korruption aus dem Weg zu schaffen, die Betreffenden aber dann zu bestrafen, wenn sie diesen geringen prozentualen Anteil ausfindig machen, der missbraucht wird.

Hier kann man Doppelmoral sehen. Ich habe gehört, wie einige Regierungen dazu aufgefordert haben, Hilfsprogramme zu schließen, wenn Korruption im Wert von einem Dollar gefunden wird. Andererseits wurden vier der letzten sieben Gouverneure im US-Staat Illinois wegen Korruption eingesperrt. Soweit ich weiß hat niemand gefordert, die Schulen oder Autobahnen in Illinois zu schliessen.

Melinda und ich würden den Globalen Fonds oder andere Programme nicht unterstützen, wenn das Geld in großem Umfang missbraucht würde. In Kambodscha wurde die Zahl der Todesfälle durch Malaria um 80 Prozent reduziert, seit der Globale Fonds im Jahr 2003 dort seine Arbeit aufgenommen hat. Die Horrorgeschichten, dass Entwicklungshilfe dazu verwendet wird, einem Diktator einen Palast zu bauen, stammen noch aus der Zeit, als Entwicklungsgelder dazu eingesetzt wurden, Alliierte im Kalten Krieg zu gewinnen, aber nicht, um Menschenleben zu verbessern. Seither wurden alle Beteiligten viel besser mit ihren Erfolgsmessungen. Das gilt besonders in den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft, wo wir die Ergebnisse validieren können und wissen, was wir für einen Dollar bekommen.

Seit 2000 hat ein globales Projekt gegen Malaria 3,3 Millionen Menschenleben gerettet (das Dorf Phnom Dambang, Kambodscha, 2011).

Und die Technologie wird uns im Kampf gegen Korruption immer mehr helfen. Das Internet hilft Bürgern herauszufinden, was ihre Regierung leisten sollte, wie zum Beispiel wie viel Geld in Kliniken investiert werden sollte. So können sie die Politiker zur Rechenschaft ziehen. Je mehr Wissen die Öffentlichkeit hat, desto weniger Korruption gibt es und desto mehr Geld fließt dahin, wohin es fließen soll.

Abhängigkeit von Entwicklungshilfe

Ein weiteres Argument von Kritikern ist, dass Entwicklungshilfe Länder von einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung abhält und dass diese Länder immer von anderen Ländern abhängig sein werden.

Diese Behauptung enthält mehrere Fehler. Zum einen werden mehrere Arten von Entwicklungshilfe einfach in einen Topf geworfen. Die Behauptung unterscheidet nicht zwischen Hilfe, die direkt an Regierungen gesendet wird und Hilfe, die für Forschungszwecke, wie für Impfstoffe oder Saatgut, eingesetzt wird. Das Geld, das in den USA in den 1960er Jahren ausgegeben wurde, um produktivere Pflanzen zu entwickeln, hat dazu geführt, dass Länder in Asien und Lateinamerika von uns unabhängiger wurden, nicht abhängiger. Das Geld, das wir heute für eine Grüne Revolution in Afrika ausgeben, hilft Ländern, mehr Nahrungsmittel anzubauen und sie unabhängiger zu machen. Entwicklungshilfe ist eine wichtige Finanzierungsquelle für diese „globalen öffentlichen Güter“, die für die Gesundheit und wirtschaftliches Wachstum wichtig sind. Daher wendet unsere Stiftung mehr als ein Drittel unserer Fördergelder für die Entwicklung neuer Hilfsmittel auf.

Zweitens berücksichtigt die Behauptung, dass Hilfe Abhängigkeit schafft, nicht die Länder, die nicht mehr länger Hilfe benötigen. Sie berücksichtigt lediglich die schwierigsten Fälle. Hier ist eine Liste der Empfänger von Entwicklungshilfe, die sich so sehr weiterentwickelt haben, dass sie heute kaum noch Hilfe benötigen. Botswana, Marokko, Brasilien, Mexiko, Chile, Costa Rica, Peru, Thailand, Mauritius, Singapur und Malaysia. Südkorea hat nach dem Koreakrieg große Hilfsbeträge erhalten und ist jetzt ein Nettobeitragszahler. China ist auch ein Nettobeitragszahler und finanziert zahlreiche wissenschaftliche Projekte, um Entwicklungsländern zu helfen. Indien erhält 0,09 Prozent seines BIPs an Hilfe im Vergleich zu 1 Prozent im Jahr 1991.

Auch in Afrika südlich der Sahara ist der Anteil der Wirtschaft, der mit Entwicklungshilfe finanziert wird, um ein Drittel des Anteils von vor 20 Jahren gesunken. Die gesamte Entwicklungshilfe für die Region wurde in diesem Zeitraum verdoppelt. Es gibt ein paar Länder, wie Äthiopien, die noch auf Hilfe angewiesen sind. Wir alle, besonders die Äthiopier selbst, möchten vollkommene Unabhängigkeit erreichen. Ich kenne keinen guten Grund zu behaupten, dass es Äthiopien heute besser gehen würde, wenn es sehr viel weniger Unterstützung erhalten hätte.

Kritiker haben recht, wenn sie behaupten, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Entwicklungshilfe dem Wirtschaftswachstum hilft. Aber das könnte man über fast alle andere Faktoren in der Wirtschaft sagen. Man weiß nie genau, welche Investitionen das Wirtschaftswachstum ankurbeln, besonders kurzfristig gesehen. Wir wissen allerdings, dass Entwicklungshilfe, die medizinische Versorgung, die Landwirtschaft und die Infrastruktur verbessert und langfristig gesehen ein wirtschaftliches Wachstum auslöst. Gesundheitshilfe rettet Leben und hilft Kindern bei ihrer seelischen und körperlichen Entwicklung. Diese Investitionen werden innerhalb einer Generation Früchte tragen. Studien zeigen, dass diese Kinder gesündere Erwachsene werden, die produktiver arbeiten. Wenn Sie dieser Art von Entwicklungshilfe etwas entgegenstellen, müssen Sie auch gleichzeitig behaupten, dass es für das Wirtschaftswachstum nicht wichtig ist, dass Leben gerettet werden. Oder, dass es vollkommen gleichgültig ist, ob Leben gerettet werden.

Die lebensrettende Kraft der Entwicklungshilfe ist so offensichtlich, dass sie sogar von Kritikern anerkannt wird. In der Mitte seines Buches White Man’s Burden (Die Bürde des Weißen Mannes), listet William Easterly (einer der bekanntesten Kritiker von Entwicklungshilfe) mehrere weltweite Erfolge im Gesundheitswesen auf, die mit Entwicklungshilfe finanziert wurden. Hier ein paar Höhepunkte:

  • „Eine Impfstoffkampagne im südlichen Teil Afrikas hat Masern als Todesursache unter Kindern so gut wie eliminiert“.
  • „Ein internationales Unterfangen hat Pocken weltweit ausgerottet“.
  • „Ein Programm zur Kontrolle von Tuberkulose in China hat die TB-Fälle dort zwischen 1990 und 2000 um 40 Prozent gesenkt“.
  • „Ein regionales Programm zur Eliminierung von Polio in Lateinamerika nach 1985 hat diese Krankheit im gesamten amerikanischen Kontinent als öffentliche Gesundheitsbedrohung eliminiert“.

Diesen letzten Punkt möchte ich näher ausführen. Heute gibt es nur noch drei Länder, in denen noch Polio vorkommt: Nigeria, Pakistan und Afghanistan. Im letzten Jahr hat die weltweite medizinische Gemeinschaft einen umfassenden Plan ausgearbeitet, der darauf abzielt, die Welt bis 2018 von Polio zu befreien. Dutzende von Spendern haben sich bereit erklärt, diesen Plan zu finanzieren. Wenn wir Polio einmal ausgerottet haben, können wir ungefähr 2 Milliarden US-Dollar pro Jahr sparen, die wir jetzt zur Bekämpfung dieser Krankheit ausgeben.

Unterm Strich heißt das: Gesundheitshilfe ist eine großartige Investition. Wenn ich sehe, wie viel weniger Kinder heute im Vergleich zu vor dreißig Jahren sterben und wie viele Menschen ein längeres und gesünderes Leben haben, stehe ich der Zukunft optimistisch gegenüber. Die Stiftung hat sich in Zusammenarbeit mit einer Gruppe bekannter Wirtschaftswissenschaftler und globaler Gesundheitsexperten angesehen, was in zehn Jahren möglich sein könnte. Im letzten Monat schrieben sie im medizinischen Fachblatt The Lancet, dass bis 2035 jedes Land Kindersterblichkeitsraten sehen wird, wie man sie in den USA oder Großbritannien im Jahr 1980 sehen konnte.6

Sie können hier sehen, wie dramtische diese Konvergenz sein wird:

Sehen wir uns diese Leistung einmal aus einer historischen Perspektive an. Ein Baby, das 1960 zur Welt kam, hatte ein Chance von 18 Prozent noch vor seinem fünften Geburtstag zu sterben. Für ein Kind, das heute zur Welt kommt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei weniger als 5 Prozent. Im Jahr 2035 werden es 1,6 Prozent sein. Ich kenne keine andere Verbesserung des menschlichen Wohlbefindens in 75 Jahren, die auch nur annähernd damit verglichen werden könnte.

Um dorthin zu gelangen, muss die gesamte Welt dieses Ziel vor Augen haben – von Wissenschaftlern bis hin zu Mitarbeitern im Gesundheitswesen und von Spendern bis hin zu Empfängerländern. Wenn diese Vision in die nächste Runde der Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen mit einbezogen wird, werden alle Länder an diesem Meilenstein mitarbeiten.

Zahlreiche Länder mit niedrigem und mittleren Einkommen werden genügend entwickelt werden, um selbst für diese Konvergenz zu zahlen. Andere werden auch weiterhin auf Spenden angewiesen sein, darunter auch auf Investitionen in die Forschung und Entwicklung im Gesundheitssystem. Regierungen werden auch entsprechende Strategien entwickeln müssen. Zum Beispiel sollten Länder mit mittlerem Einkommen eine Tabaksteuer einführen und Subventionen für fossile Brennstoffe kürzen, um das Gesundheitswesen mit zu finanzieren.

Ich hoffe aber vor allem, dass wir nicht mehr länger diskutieren müssen, ob Entwicklungshilfe funktioniert. Wir sollten mehr Zeit dafür aufwenden zu diskutieren, wie sie besser helfen kann. Das ist besonders wichtig, wenn Sie von der vorgelagerten Forschung über globale öffentliche Güter auf nachgelagerte Bemühungen, diese Innovationen zu liefern, übergehen. Sind Empfängerländer dafür verantwortlich, herauszufinden, wo Kliniken gebaut werden sollten und sollten sie für die Schulung der Mitarbeiter verantwortlich sein? Helfen Spender Teams vor Ort, die Expertise zu erlangen, um es mit den westlichen Experten aufnehmen zu können? Teilen die besten Leistungserbringer die Lektionen, die sie gelernt haben, damit andere Länder es nachmachen können? Das ist ein wichtiger Lernbereich für die Stiftung.

Ich bin schon seit langem der Meinung, dass Unterschiede in der medizinischen Versorgung eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt sind. Es ist ungerecht und unannehmbar, dass Millionen von Kindern jedes Jahr an Ursachen sterben, die verhindert oder behandelt werden können. Ich glaube nicht, dass das Schicksal eines Kindes der von Warren Buffet so treffend bezeichneten „Eierstocklotterie“ überlassen werden sollte. Wenn wir dieses Konvergenzziel erreichen, wird es diese krassen Unterschiede nicht mehr länger geben.

MYTHOS NR. 3

Menschenleben retten führt zur Überbevölkerung 

Von Melinda Gates

Diese Kommentare lesen wir ständig im Blog der Gates Foundation, auf der Facebook-Seite und auf Twitter. Es ist sinnvoll, dass sich Menschen Sorgen darum machen, ob der Planet auch weiterhin die menschliche Rasse erhalten kann, besonders im Zeitalter des Klimawandels. Aber diese Denkweise hat der Welt zahlreiche Probleme bereitet. Die Angst vor der Größe der Weltbevölkerung kann dazu führen, dass man sich nicht mehr länger um die Menschen kümmert.

Bereits im Jahr 1798, als Thomas Malthus seinen Aufsatz „Essay on the Principle of Population“ verfasste, machten sich die Menschen Sorgen um den Weltuntergang, wenn die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten kann. Sogar noch während des Kalten Krieges vertraten amerikanische Außenpolitikexperten die Ansicht, dass Hunger arme Länder in den Kommunismus treibt. Die Kontrolle der Bevölkerung der armen Länder, die auch als die Dritte Welt bezeichnet werden, wurde zur offiziellen Strategie in der sogenannten Ersten Welt. Im Extremfall bedeutet das, dass Frauen dazu gezwungen werden, nicht schwanger zu werden. Allmählich weicht die globale Familienplanungsgemeinschaft von dem einzigen Fokus ab, die Fortpflanzung zu beschränken und denkt daran, wie man Frauen helfen kann, ihr eigenes Leben zu kontrollieren. Das ist eine willkommene Abwechslung. Wir gestalten eine nachhaltige Zukunft, wenn wir in die Armen investieren, nicht wenn wir ihr Leiden in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen.

Ein Laissez-Faire-Ansatz in der Entwicklung, bei dem wir Kinder sterben lassen, damit sie später nicht verhungern, funktioniert glücklicherweise nicht. Es scheint ein Widerspruch zu sein, aber die Länder mit dem meisten Todesfällen weisen das schnellste Bevölkerungswachstum auf,weil die Frauen in diesen Ländern auch die meisten Geburten aufweisen. Gelehrte kennen nicht die genauen Gründe dafür, aber es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Kindersterblichkeit und der Geburtenrate.

Menschen behaupten, dass das Retten von Menschenleben zur Überbevölkerung führt.  

Was würden Sie tun?

Die Menschen retten
Den Planeten retten

Sehen wir uns nur einmal Afghanistan an. Dieses Land hat eine sehr hohe Kindersterblichkeitsrate (die Anzahl der Kinder, die vor ihrem fünften Lebensjahr sterben). Afghanische Frauen gebären im Durchschnitt 6,2 Kinder.7 Trotz der Tatsache, dass 10 Prozent der afghanischen Kinder nicht überleben, wird vorhergesagt, dass die Bevölkerung des Landes bis 2050 von heute 30 Millionen auf 55 Millionen wächst. Damit wird deutlich, dass die hohe Sterblichkeitsrate kein Bevölkerungswachstum verhindert (ganz zu schweigen davon, dass Afghanistan nicht unbedingt das Modell-Land für eine gedeihende Zukunft ist).

Wenn mehr Kinder überleben, entscheiden sich Eltern für kleinere Familien. Denken Sie nur einmal an Thailand. Seit ca. 1960 nimmt die Kindersterblichkeitsrate ab. Und seit 1970, als die Regierung damit begann, in ein starkes Familienplanungsprogramm zu investieren, nehmen auch die Geburtenraten ab. In nur zwei Jahrzehnten fiel die durchschnittliche Geburtenrate der Frauen in Thailand von sechs auf zwei Kinder. Und heute ist die Kindersterblichkeit in Thailand fast so niedrig wie in den Vereinigten Staaten und die Frauen in Thailand haben im Durchschnitt 1,6 Kinder.

Wenn Sie sich die nachstehende Graphik über Brasilien ansehen, können Sie das Gleiche sehen: Mit Rückgang der Kindersterblichkeitsrate nahm auch die Geburtenrate ab. Ich habe auch die Bevölkerungswachstumsrate tabellarisch dargestellt, um zu zeigen, dass die Bevölkerung des Landes langsamer wächst seit mehr Kinder überleben. Wenn Sie eine ähnliche Tabelle für die meisten südamerikanischen Länder erstellen würden, würden die Graphiken ähnlich aussehen.

Dieses Muster der fallenden Todesraten gefolgt von sinkenden Geburtenraten trifft für die meisten Länder zu. Demografen nennen dieses Phänomen den „demografischen Übergang“ und haben dazu zahlreiche demografische Veröffentlichungen verfasst. Die Franzosen waren die ersten, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit diesem Übergang begonnen haben. In Frankreich sinkt die durchschnittliche Familiengröße jetzt seit 150 Jahren in jedem Jahrzehnt. In Deutschland fingen die Frauen in den 1880er Jahren damit an, weniger Kinder zu haben und in nur 50 Jahren stabilisierte sich die durchschnittliche Familiengröße wieder. In Südostasien und Lateinamerika sank die durchschnittliche Fruchtbarkeit in einer einzigen Generation von sechs oder sieben Kindern pro Frau auf zwei bis drei. Dies ist seit Beginn der 1960er Jahre hauptsächlich der Verfügbarkeit moderner Empfängnisverhütungsmittel zu verdanken.

Die meisten Länder, mit Ausnahme der Länder in Afrika südlich der Sahara und Südasien, haben diesen Übergang erlebt. Daher wächst die Weltbevölkerung jedes Jahr langsamer. Wie Hans Rosling, ein Professor am Karolinska Institute in Schweden und einer meiner beliebtesten Daten-Geeks sagte: „Wir werden wahrscheinlich nie mehr Kinder in der Welt haben als heute! Wir treten in das Zeitalter des „Peak Child“ (Kindermaximum) ein!“

Angesichts aller Beweise ist meine Auffassung einer nachhaltigen Zukunft sehr viel optimistischer als die von Malthus. Der Planet gedeiht nicht, wenn wir die Kranken einfach sterben lassen. Er gedeiht, wenn wir in der Lage sind, ihr Leben zu verbessern. Menschen sind keine Maschinen. Wir pflanzen uns nicht unbekümmert fort. Wir treffen Entscheidungen basierend auf den Umständen, mit denen wir konfrontiert werden.

Hier ist ein Beispiel: Mütter in Mosambik haben eine 80 Mal höhere Wahrscheinlichkeit ein Kind zu verlieren als Mütter in Portugal, dem Land, das bis 1975 über Mosambik herrschte. Diese schreckliche Gesamtstatistik zeigt eine düstere Realität für Frauen in Mosambik. Sie können nie wissen, ob ihre Kinder überleben werden. Ich habe mit Müttern gesprochen, die viele Babys zur Welt gebracht und die meisten verloren haben. Sie sagen mir, dass die Trauer es wert war, letztendlich die gewünschte Anzahl lebender Kinder zu haben.

Wenn Kinder gut ernährt werden, alle notwendigen Impfungen erhalten und für Kinderkrankheiten, wie Durchfall, Malaria und Lungenentzündung behandelt werden, ist die Zukunft leichter vorhersehbar. Eltern treffen dann Entscheidungen basierend auf der Erwartung, dass ihre Kinder leben werden.

Sterblichkeitsraten sind nur einer der vielen Faktoren, die sich auf Geburtenraten auswirken. Zum Beispiel ist die Unabhängigkeit von Frauen, die am Heiratsalter und dem Ausbildungsniveau gemessen wird, sehr wichtig. Mädchen, die im Teenage-Alter heiraten, werden früher schwanger und haben daher auch mehr Kinder. Sie brechen meistens die Schule ab und lernen daher nicht über ihren Körper, Sex und Fortpflanzung. Sie eignen sich auch kein anderes Wissen an, mit dem sie ihr Leben verbessern könnten. Auch junge Ehefrauen haben normalerweise Schwierigkeiten offen mit ihren Männern über das Thema Familienplanung zu sprechen. Ich war gerade in Äthiopien, wo ich ein langes Gespräch mit jungen Ehefrauen hatte, von denen die meisten mit 11 Jahren geheiratet hatten. Sie alle sprachen darüber, eine bessere Zukunft für ihre Kinder zu wollen. Allerdings hatten sie keine vollständigen Informationen über Empfängnisverhütung und sie wussten, dass sie keine Chance mehr hatten, sobald sie gezwungen wurden die Schule abzubrechen.

Wenn Mädchen allerdings erst später heiraten ist Alles anders. In einer jüngsten Studie mit 30 Entwicklungsländern hatten Frauen ohne Schulbildung im Durchschnitt drei Kinder mehr als Frauen, die die High-School besuchten. Wenn Frauen über Wissen und Fähigkeiten verfügen, möchten sie ihre Zukunft selbst gestalten.

Ich habe vor kurzem einen Nachmittag mit einer Frau namens Sadi Seyni verbracht. Sie lebt mit ihren Kindern auf trockenem Ackerland in der Steppenregion in Niger. Als sie als Teenager heiratete, wusste sie nichts über Empfängnisverhütungsmittel. Jetzt weiß sie mehr darüber und wartet ein paar Jahre zwischen den Schwangerschaften, um ihre und die Gesundheit ihrer Neugeborenen zu schützen. Ich habe den Ort besucht, an dem Sie mehr über Familienplanung gelernt hat: der Dorfbrunnen, wo Frauen zusammen kommen und sich unterhalten. Und sie reden. Und reden. Während wir Geschichten erzählen, kam eine junge Ehefrau an den Brunnen, um Wasser zu holen. Mithilfe eines Dolmetschers sagte mir das Mädchen, dass die Schwangerschaften der Wille Gottes sei und sie keine Kontrolle darüber hätte. Sadi meinte, dass das Mädchen ihre Ansicht irgendwann einmal ändern würde, so lange sie zum Brunnen käme und zuhörte. Auch diese informelle Wissensvermittlung kann die Sichtweise der Menschen darüber ändern, was möglich ist.

Wie Millionen von Frauen in Afrika südlich der Sahara wusste auch Sadi nichts über Empfängnisverhütungsmittel als sie heiratete (Talle, Niger, 2012).

Man muss hinzufügen, dass der Wunsch zur Familienplanung nur ein Teil der Gleichung ist. Frauen benötigen Zugang zu Empfängnisverhütungsmitteln, um diese Planung auch in die Realität umzusetzen. Sadi lebt ganz in der Nähe einer Klinik. Aber diese Klinik hat nicht die Empfängnisverhütungsspritzen, die Sadi verwendet. Sie muss daher alle drei Monate fast 50 km zu Fuß zurücklegen, um ihre Spritze zu bekommen. Sadi ist berechtigterweise erzürnt darüber, dass es so schwer ist für ihre Familie zu sorgen. Viele Frauen wie Sadi wissen nicht, wie man Schwangerschaften natürlich planen kann. Und sie haben keinen Zugang zu Empfängnisverhütungsmitteln. Mehr als 200 Millionen Frauen sagen, dass sie nicht schwanger werden möchten, aber sie verwenden keine Empfängnisverhütungsmittel. Diese Frauen haben keine Chance, über die Zukunft ihrer Familie zu entscheiden. Und weil sie nicht bestimmen können, wie viele Kinder sie haben und wann, haben sie auch nicht die Ressourcen, sie zu ernähren, für medizinische Versorgung zu bezahlen oder sie zur Schule zu schicken. Das ist der Teufelskreis der Armut.

Dank des Zugangs zu Empfängnisverhütungsmitteln und der Informationen über Geburtenabstände können Frauen wie Sharmila Devi gesündere Familien großziehen (das Dorf Dedaur, Indien, 2013).

Andererseits sieht man eine positive Entwicklung, die mit grundlegender medizinischer Versorgung und Unabhängigkeit beginnt und nicht nur zu einem besseren Leben für Frauen und ihre Familien, sondern zu einem guten Wirtschaftswachstum für ein Land führt. Einer der Gründe des sogenannten asiatischen Wirtschaftswunders der 1980er Jahre war der rasche Rückgang der Fruchtbarkeitsrate in Südostasien. Experten nennen dieses Phänomen die demografische Dividende.8 Wenn weniger Kinder sterben und weniger zur Welt kommen, ändert sich allmählich die Altersstruktur der Bevölkerung, wie man in der nachstehenden Grafik sehen kann. Im Laufe der Zeit ist ein großer Teil der Bevölkerung im Haupterwerbsalter. Das bedeutet, dass ein größerer Anteil der Bevölkerung arbeitet und zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Und weil es gleichzeitig weniger junge Kinder gibt, können die Regierung und die Eltern mehr in die Bildung und medizinische Versorgung investieren. Das führt langfristig zu einem größeren Wirtschaftswachstum.

Diese Änderungen ergeben sich nicht von selbst. Regierungen müssen Strategien bestimmen, damit Länder die Chancen nutzen können, die durch den demografischen Übergang geschaffen wurden. Sie müssen mit der Unterstützung durch Spender in die medizinische Versorgung und Bildung investieren, Familienplanung priorisieren, Arbeitsplätze schaffen und den Finanzsektor stärken. Wenn Politiker die richtigen strategischen Prioritäten setzen, ist die Aussicht auf eine positive Entwicklung, die gesamte Gesellschaften verändert, sehr realistisch.

Dieser als „Virtuous Cycle“ bezeichnete positive Zyklus ist nicht nur Entwicklungs-Jargon. Er ist ein Phänomen, das Millionen von Menschen sehr gut verstehen und das ihre täglichen Entscheidungen bestimmt. Ich hatte die Ehre, Frauen und Männer in armen Ländern kennen zu lernen, die mir zeigten, was es bedeutet zu lieben und optimistisch zu sein. Sie verzichten auf Vieles, damit sie die Schulgebühren ihrer Kinder bezahlen können. Diese Liebe und dieser Optimismus setzt sich dann in den Kindern fort. Die Zukunft, auf die sie hoffen und für die sie hart arbeiten, ist eine Zukunft an die auch ich glaube.

Kinder, die gesund aufwachsen, erleben einen positiven Entwicklungszyklus (Dakar, Senegal, 2013).

In dieser Version der Zukunft sind die heute armen Länder gesünder, wohlhabender und gleichberechtigter und können nachhaltig wachsen. Die alternative Vision, die in dem Mythos nach Malthus ausgedrückt wird, nämlich, dass Nachhaltigkeit in der Welt nur durch die Misere einiger weniger erreicht werden kann, ist eine falsche Auslegung der Fakten und eine gescheiterte Vorstellungsgabe.

Menschenleben retten führt nicht zur Überbevölkerung. Genau das Gegenteil ist der Fall. Nur solche Gesellschaften, in denen Menschen eine grundlegende medizinische Versorgung, relativen Wohlstand, Gleichberechtigung und Zugang zu Empfängnisverhütungsmitteln haben, können eine nachhaltige Welt schaffen. Wir können eine bessere Zukunft für alle Menschen gestalten, wenn wir allen Menschen genügend Freiraum und Unabhängigkeit geben, eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien zu schaffen.

EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT

Wenn man jeden Tag die Zeitung liest, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Welt schlechter wird. Es ist im Grunde genommen in Ordnung, sich auf die schlechten Nachrichten zu konzentrieren. Allerdings muss man sie im Kontext betrachten. Ich habe mich mit Melinda darüber unterhalten, dass letztes Jahr mehr als sechs Millionen Kinder gestorben sind. Aber es motiviert uns, dass es die niedrigste Kindersterblichkeitsrate ist, die jemals verzeichnet wurde. Wir müssen alle daran arbeiten, dass sie weiter sinkt.

Wir hoffen, dass Sie uns dabei helfen, die existierenden Mythen endgültig zu beseitigen. Helfen Sie Ihren Freunden, schlechte Nachrichten im Kontext zu betrachten. Sagen Sie den Politikern, dass Sie Leben retten möchten und Auslandshilfe unterstützen. Wenn Sie ein wenig Geld spenden möchten, sollten Sie wissen, dass einige Organisationen, die in den Bereichen Gesundheit und Entwicklung arbeiten, eine phänomenale Rendite anbieten. Wenn Sie das nächste Mal in einem Online-Forum sind und jemand behauptet, dass das Retten von Kinderleben zur Überbevölkerung führt — zählen Sie die Fakten auf. Sie können den neuen weltweiten Glauben verbreiten, dass jedes Leben gleich viel zählt.

Wir alle können eine Welt schaffen, in der extreme Armut die Ausnahme und nicht die Regel ist und in der alle Kinder gedeihen können — egal, in welchem Teil der Erde sie zur Welt kommen. Für diejenigen unter uns, die an den Wert jedes einzelnen Menschenlebens glauben, ist das die inspirierendste Aufgabe in der heutigen Welt.

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